Veränderungen am Anleihenmarkt
In den letzten Jahren haben neben klassischen Corporate Bonds (Investment Grade) und Staatsanleihen auch vermehrt Anleihen von Unternehmen des deutschen Mittelstands, so genannte „KMU-Anleihen“ (Anleihen von kleinen und mittleren Unternehmen) Einzug in die Portfolios unternehmerisch geprägter Anlegerinnen und Anleger gehalten. Neben den risikoadjustierten Zinskupons sprechen Anleihe-Investoren hier auch die konkreten Investitionsziele der emittierenden Unternehmen an. Die Finanzierung von deutschen Mittelstandsunternehmen ermöglicht oftmals einen direkten Bezug zu den sehr fokussierten Unternehmensausrichtungen und hat damit ein hohes Identifikationspotential für Anleger.
Inhaltsüberblick: Was Anleihe-Investoren in unserer Artikelserie erwartet
Unsere Artikelserie richtet sich an erfahrene Anlegerinnen und Anleger, die sich über die angestrebte Zinsoptimierung hinaus tiefer für die Funktionsmechanismen der Finanzinstrumente „Anleihen“ im Mittelstand, ihre Besonderheiten und Bedeutung in der aktuellen Bankenlandschaft und Realwirtschaft interessieren.
Wir werfen einen Blick auf die Rolle von reinen Unternehmensanleihen und Asset-unterlegten Anleihen (Asset-Backed Securities) als zentrale Finanzierungsbausteine des deutschen Mittelstandes. In unseren Betrachtungen ordnen wir diese Finanzinstrumente in den Kontext der kurz-, mittel- und langfristigen Unternehmensfinanzierung ein und beleuchten die damit verbundenen Risiko-Rendite-Profile.
Im ersten Teil unserer Artikelserie gehen wir nachfolgend auf grundsätzliche Finanzierungsbausteine des deutschen Mittelstands und die Hintergründe für das zunehmende Angebot an mittelständischen Anleihen ein: Basel II, Basel III und Basel IV.
Trend zur „Internalisierung“ im deutschen Mittelstand
Bevor wir uns mit der Finanzierungsstruktur des deutschen Mittelstands beschäftigen, betrachten wir die Aufteilung von Unternehmen, die rein eigenkapitalbasiert arbeiten und denen, die zusätzlich fremdkapitalbasierte Geschäftsmodelle verfolgen.
Immer mehr Unternehmen finanzieren ihre Vorhaben ausschließlich aus eigener Kraft und verzichten bewusst auf die Inanspruchnahme externer Kapitalquellen. Der Anteil der Unternehmen, die Kredite nutzen, hat sich in den letzten 20 Jahren nahezu halbiert (von 40 % im Jahr 2004 auf zuletzt 23 %).
Die nachfolgende Übersicht stellt die Verteilung der Finanzierungswege auf Basis der jüngsten Daten von KfW Research dar (Stand: Veröffentlichungen Mai 2025, basierend auf dem Erhebungszeitraum 2023/2024):
Übersicht: Finanzierungsverteilung im deutschen Mittelstand
| Finanzierungsform | Anteil der Unternehmen | Charakteristik |
|---|---|---|
| Rein eigenkapitalbasiert | 77 % | Investierende Unternehmen, die ihre Projekte vollständig ohne Bankkredite (nur aus Cashflow, Rücklagen, Gewinnen) finanzieren. |
| Mischfinanzierung | 23 % | Investierende Unternehmen, die neben Eigenmitteln auch Fremdkapital (primär Bankkredite) nutzen. |
Quelle: KfW-Mittelstandspanel 2025 / KfW Research „Fokus Volkswirtschaft“ (März & Mai 2025).
Einordnungsmöglichkeiten für den Investor
Für erfahrene Anlegerinnen und Anleger kann diese Statistik in zweifacher Hinsicht aufschlussreich sein:
- Wachsende Unabhängigkeit: Während wir die Ursachen für die gestiegene Eigenfinanzierung der Unternehmen im weiteren Verlauf betrachten, bleibt positiv festzuhalten, dass die durchschnittliche Eigenkapitalquote im Mittelstand seit 2002 um rund 13 Prozentpunkte auf aktuell über 30 % angewachsen ist.
- Der „Selektionseffekt“: Dass 77 % der investierenden Unternehmen ohne Bankkredit auskommen, bedeutet im Umkehrschluss, dass jene 23 %, die am Kapitalmarkt (etwa über Anleihen) auftreten, oft sehr spezifische, großvolumige oder innovative Projekte verfolgen, die den Rahmen der laufenden Innenfinanzierung (Eigenkapital) sprengen.
Die hohe Quote rein eigenkapitalbasierter Unternehmen unterstreicht das solide Fundament des Mittelstands, markiert aber auch genau die Grenze, an der unternehmerische Investitionshilfe durch private Kapitalgeber an Bedeutung gewinnt: dort, wo Transformation und Innovation über das Alltagsgeschäft hinausgehen.
Typische Finanzierungsinstrumente im Mittelstand
Bevor wir uns dem spezifischen Finanzinstrument „Anleihe“ widmen, betrachten wir noch kurz unterschiedliche Finanzierungsinstrumente von Unternehmen:
| Finanzierungs-Instrument | Preis | Merkmal |
|---|---|---|
| Eigenmittel (Cashflow, Rücklagen) | keine externen Kosten | hohe Flexibilität und Unabhängigkeit |
| Bankkredite | moderat bis teuer | sinkende Verfügbarkeit und Nutzungsrate, hohe Abhängigkeit |
| Leasing | moderat | stark bei mobilen Wirtschaftsgütern |
| Fördermittel (KfW, Länder) | zinsgünstig | Zweckbindung |
| Anleihen & Mezzanine | teurer | Unabhängigkeit |
Traditionell ist die Finanzierungslandschaft deutscher KMU geprägt durch eine enge Bindung an lokale Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Geschäftsbanken. Während der Bankkredit über Jahrzehnte das unumstrittene Rückgrat der Fremdfinanzierung bildete, zeigt eine umfassende Analyse der Daten von Institutionen wie der KfW eine deutliche Erosion dieses Monopols.
Wie in der vorangegangenen Betrachtung erwähnt, ist der Anteil der investierenden mittelständischen Unternehmen, die zur Finanzierung ihrer Vorhaben Kredite nutzen, von 2004 bis 2024 stark gesunken (beinahe eine Halbierung). Die Neuinvestitionen des Mittelstandes sind hingegen gegenüber dem Jahr 2004 (ca. 172 Mrd. EUR) auf rund 221 Mrd. EUR im Jahr 2024 gestiegen.
Aber nicht nur die absoluten Zahlen haben sich verändert. Bei Unternehmen, die nicht ausschließlich eigenkapitalbasiert investieren, finden wir auch eine veränderte Finanzierungsstruktur.
- Eigenmittel: Während 2024 etwa 51 % der Investitionen aus eigenen Mitteln (Cashflow, Rücklagen) bestritten wurden, lag dieser Anteil im Jahr 2004 bei lediglich 36 %.
- Fremdmittel (primär Bankkredite): 2004 finanzierten die Unternehmen noch 35 % ihres Volumens über klassische Fremdmittel; 2024 ist dieser Anteil auf 32 % (davon 81 Mrd. EUR Bankkredite) gesunken.
- Die Schließung der Lücke: Entfielen im Jahr 2004 noch rund 19 % auf öffentliche Fördermittel, ist deren relative Bedeutung für die reine Investitionsfinanzierung auf 13 % im Jahr 2024 zurückgegangen. Die verbleibende Finanzierungslücke wird heute zunehmend durch Leasing (etwa 25 % des Investitionsvolumens) sowie kapitalmarktorientierte Instrumente wie Anleihen geschlossen.
Dieser Wandel ist für das Verständnis wichtig, dass vermehrt privates Kapital als Werkzeug für ausreichend Liquidität und ein stabiles Unternehmenswachstum dient.
Doch warum kam es zu diesem Wandel?
Maßgeblichen Teil hieran haben verschärfte regulatorische Rahmenbedingungen für Kreditinstitute, die unter Regelwerken wie Basel III und den kommenden Anforderungen von Basel IV agieren. Sie ziehen sich in der Folge aus diesem Finanzierungsgeschäft zurück.
Basel II bis Basel IV: Warum die Bankenregulierung Unternehmen auf den privaten Kapitalmarkt drängt
Der Rückzug der Banken ist kein Zufall, sondern das Resultat einer immer strengeren globalen Regulierung, die unter den Schlagworten Basel II, III und IV bekannt ist. Diese Regelwerke verfolgen das Ziel, Bankenpleiten auch unter erhöhtem Stresslevel zu vermeiden, erhöhen aber gleichzeitig die Hürden für Unternehmenskredite massiv.
- Basel II (Einführung des Ratings): Seit Basel II müssen Banken Kredite nicht mehr pauschal, sondern risikogerecht mit Eigenkapital unterlegen. Für Unternehmen bedeutete dies die Geburtsstunde des „Ratings“: Je geringer die Bonität, desto mehr teures Eigenkapital muss die Bank vorhalten – was den Kredit für das Unternehmen verteuert oder unmöglich macht.
- Basel III (Höhere Puffer): Als Reaktion auf die Finanzkrise 2008 wurden die Kapitalanforderungen verschärft. Banken müssen seither deutlich mehr und qualitativ hochwertigeres „hartes Kernkapital“ (bis zu 13 % inkl. Puffer) als Reserve halten. Dies verknappt das für Kredite verfügbare Kapital insgesamt.
- Basel IV (Der „Output Floor“): Das neueste Paket (final bis 2030) schränkt den Spielraum der Banken weiter ein. Sie dürfen das Risiko von Krediten nicht mehr nur mit internen Modellen rechnen, sondern müssen eine Untergrenze (den Output Floor von 72,5 %) einhalten.
Damit verbundene Herausforderungen für Unternehmer und Anleger
Diese Regulierung führt zu einer „Kredithürde“. Banken agieren seit Jahren zunehmend risikoavers und selektiv. Unternehmen müssen für einen einfachen Kredit heute Transparenz und Dokumentation (Businesspläne, Plan-GuV, Cashflow-Rechnungen) in einer Detailtiefe liefern, die früher nur für Börsengänge nötig war. Für viele KMU ist dieser bürokratische und finanzielle Aufwand so hoch, dass alternative Wege wie die Anleiheemission – bei der sie direkt mit dem Anleger kommunizieren – strategisch attraktiver werden. Andere sind in Unternehmensstadien oder Märkten tätig, in denen Bankfinanzierungen grundsätzlich ausscheiden.
In diesem Kontext fungieren Unternehmensanleihen und Asset-unterlegte Finanzierungen nicht mehr nur als Nischenprodukte für den gehobenen Mittelstand, sondern als strategische Instrumente zur Sicherung oder Schaffung der unternehmerischen Handlungsfähigkeit und Unabhängigkeit.
Was für erfahrene Anlegerinnen und Anleger die Chance auf attraktive Zinseinkünfte aus der Realwirtschaft darstellt, ist zugleich mit der Aufgabe verbunden, eigenständig eine Risikobewertung zu den betreffenden Angeboten vorzunehmen, um eine stimmige Dimensionierung im eigenen Portfolio zu ermitteln.
Risikohinweis: KMU-Anleihen sind unternehmerische Investments. Im ungünstigen Fall kann das eingesetzte Kapital vollständig verloren gehen (Totalverlustrisiko). Die vollständigen Risiken sind ausschließlich dem jeweiligen Verkaufsprospekt des Emittenten zu entnehmen.
In unserem nächsten Artikel konzentrieren wir uns auf Unterschiede zwischen Asset-unterlegten Anleihen und Unternehmensanleihen.
Ihre FIN-Redaktion
Weitere Artikel dieser Serie
→ Teil 2: Unternehmensanleihe und Asset-Backed Anleihe: Strukturen, Risiken und Rendite im Vergleich (folgt in Kürze)
→ Teil 3: Stückzinsen bei Anleihen: Depot-Prozesse und steuerliche Wirkung (folgt in Kürze)
→ Teil 4: Sonderfall Junk-Bonds: Verluste steuerlich realisieren — Depotübertrag, Dokumentation und Anlage KAP (folgt in Kürze)
→ Teil 5: Sonderfall fehlende Anschaffungsdaten: Ersatzbemessungsgrundlage und Handlungsmöglichkeiten für Anleger (folgt in Kürze)
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