Die ökologische Krisenerfahrung der 1980er Jahre
In den 1980er Jahren erfasste ein tiefer gesellschaftlicher Wertewandel Deutschland, dem sich beim Übergang in die 1990er Jahre auch der Finanzsektor öffnete. Zu den prägenden Ereignissen dieser Ära gehörten:
Das Waldsterben
Der durch sauren Regen und industrielle Emissionen verursachte Verfall deutscher Wälder rückte das Thema Luftreinhaltung ins Zentrum der öffentlichen Debatte.
Das Ozonloch
Die Entdeckung des Ozonlochs über der Antarktis im Jahr 1985 führte die verheerende globale Wirkung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) drastisch vor Augen und mündete 1987 in das Montrealer Protokoll.
Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl (April 1986)
Der "Größte Anzunehmende Unfall" (GAU) konfrontierte die deutsche Bevölkerung unmittelbar mit den unsichtbaren Gefahren der Radioaktivität. Er löste massive Ängste aus, mobilisierte Hunderttausende bei Anti-Atomkraft-Demonstrationen und erzwang ein fundamentales Umdenken in der deutschen Energiepolitik.
Diese Krisen führten zu einer raschen Institutionalisierung des Umweltschutzes. Nur fünf Wochen nach Tschernobyl wurde im Juni 1986 das Bundesumweltministerium (BMU) gegründet. Zudem zog die grüne Partei 1983 erstmals in den Bundestag ein.
Freie Umweltforschungsinstitute wie das Öko-Institut oder das Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) professionalisierten sich in dieser Zeit, um der rasant steigenden Nachfrage nach wissenschaftlich fundierter Expertise zu begegnen.
Auch in der DDR formierten sich unter dem Eindruck massiver Umweltzerstörung regimekritische Umweltgruppen, für die ökologische Belange zu einem zentralen Katalysator bei der Mobilisierung im Herbst 1989 wurden.
Erdgipfel in Rio de Janeiro im Jahr 1992
Maßgeblich beeinflusst wurde die Transformation von der rein konfrontativen Abwehr von Umweltgefahren hin zu einer zukunftsorientierten, systemischen Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft durch den Erdgipfel in Rio de Janeiro im Jahr 1992. Der englische Begriff Sustainability wurde im deutschen Sprachraum dabei konsequent mit "Nachhaltigkeit" übersetzt. Wesentliche Meilensteine dieser Phase, die das ökologische Bewusstsein in breite bürgerliche und ökonomische Schichten trugen, waren:
- Die wegweisende Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" (1996), herausgegeben von BUND und Misereor, die eine breite gesellschaftliche Diskussion anstieß.
- Das Gemeinsame Sozialwort der beiden großen Kirchen (1997) ("Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit"), welches das Konzept der Nachhaltigkeit als ethische und ökonomische Leitlinie etablierte und die Rolle von Kirchen als wirtschaftlich Handelnde und Anleger hervorhob.
Das wachsende Bewusstsein dafür, dass angelegtes Kapital in der Realwirtschaft direkt wirkt, schuf das Fundament für die ersten grünen Anlageprodukte.
Bereits 1988 hatte sich mit der Gründung der Ökobank eG eine Genossenschaftsbank geformt, die sich gezielt an Menschen richtete, die ihr Geld in ökologische und solidarische Projekte lenken wollten.
Die Entwicklung nachhaltiger Investmentprodukte in drei Phasen
1. Die Entstehung der ersten Klimaschutz-Finanzprodukte (1989–2008)
- Die Pioniere: Ab 1989 entstanden die ersten Publikumsfonds, die ökologische Kriterien, Umwelttechnologien und Emissionsminderung systematisch im Investmentprozess verankerten. Als Urvater der ethisch-ökologischen Publikumsfonds in Deutschland gilt der Luxinvest Securarent (später: SEB ÖkoRent), aufgelegt am 5. Dezember 1989 von der BfG Bank (Bank für Gemeinwirtschaft, später SEB). Als Rentenfonds, der in umwelt- und sozialverträgliche Staats- und Unternehmensanleihen investierte, markiert er den tatsächlichen Beginn des grünen Fondshandels in Deutschland. 1990 folgten der Pioneer Funds – Global Ecology (ehemals: Activest Lux Eco Tech) und der H.C.M. Umweltfonds (später Hypo Umweltfonds / Hypo Eco Tech), 1992 der SEB ÖkoLux, 1996 der ÖKOWORLD ÖKOVISION CLASSIC (ursprünglich ÖkoVision) und 2005 der Sarasin OekoSar Equity (heute JSS Sustainable Equity – Global Thematic, wobei das historisch erste nachhaltige Mischfondskonzept desselben Hauses, das Sarasin OekoSar Portfolio, bereits im Jahr 1994 lanciert wurde), gefolgt von der DWS mit dem DWS Zukunftsressourcen (2006) und dem DWS Klimawandel (DWS Invest Climate Change) im Jahr 2007.
- Ethikfonds: Bis Mitte der 2000er Jahre dominierten jedoch klassische „Ethik-Fonds“ (Ausschluss von Waffen, Tabak, Glücksspiel).
- Der erste Green Bond: Die Europäische Investitionsbank (EIB) emittierte 2007 die erste strukturelle Klimaschutz-Anleihe unter dem Namen „Climate Awareness Bond“. Die Weltbank folgte 2008 mit ihrem ersten offiziellen Green Bond.
2. Der Wendepunkt und die Ausweitung der Problemlage (2008–2020)
- Ab 2008 kamen zunehmend Publikumsfonds auf den Markt, die gezielt das Thema Klimawandel, Dekarbonisierung und Erneuerbare Energien fokussierten.
- Das Pariser Klimaabkommen (2015) markierte den weltweiten Durchbruch: Nachfrage und Zuflüsse in grüne Anlagestrategien explodierten.
- Greenwashing: Asset Manager gerieten unter immensen Druck, schnell „grüne“ Produkte anzubieten. Ohne verbindliche gesetzliche Definitionen (wie die spätere SFDR oder EU-Taxonomie) kam es zu Wellen von Fonds-Rebrandings: Bestehende konventionelle Fonds wurden durch minimale Anpassungen im Verkaufsprospekt oder durch bloße Beimischung weniger nachhaltiger Titel als „ESG-Fonds“ umetikettiert.
3. Öffentlichkeitswirksame Greenwashing-Skandale
Die Aufdeckung von systematischem Greenwashing führte ab 2021 zu Ermittlungen von Finanzaufsichtsbehörden (BaFin, US-SEC) und der Staatsanwaltschaft. Die prominentesten Fälle umfassen:
3.1. DWS / Deutsche Bank (Der Präzedenzfall der Fondsbranche, 2021–2023)
- Der Fall: Die ehemalige Nachhaltigkeitsbeauftragte der DWS (Desiree Fixler) deckte 2021 als Whistleblowerin auf, dass die DWS in ihren Geschäftsberichten ESG-Kriterien weitaus optimistischer darstellte, als sie im Investmentprozess tatsächlich angewendet wurden. Betroffene Produkte umfassten milliardenschwere Publikumsfonds.
- Folgen & Belege:
- Razzia durch die Frankfurter Staatsanwaltschaft, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und das Bundeskriminalamt (BKA) am 31. Mai 2022 am Hauptsitz der DWS und der Deutschen Bank.
- Rücktritt des damaligen DWS-Chefs Asoka Wöhrmann kurz nach den Durchsuchungen.
- Im September 2023 vereinbarte die US-Börsenaufsicht SEC mit der DWS einen Vergleich über eine Gesamtstrafe in Höhe von 25 Millionen US-Dollar, die sich aus 19 Millionen US-Dollar wegen irreführender Angaben zu den ESG-Investmentprozessen und 6 Millionen US-Dollar wegen Versäumnissen bei der Implementierung eines Programms zur Geldwäscheprävention zusammensetzte.
3.2. Goldman Sachs Asset Management (US-SEC-Sanktion, 2022)
- Der Fall: Goldman Sachs hatte mehreren Investmentfonds und Mandaten grüne und ESG-bezogene Stempel verliehen.
- Folgen & Belege: Die US-Aufsichtsbehörde SEC stellte fest, dass Goldman Sachs zwischen 2017 und 2020 in der Praxis die eigenen ESG-Analyse- und Überprüfungsrichtlinien nicht wie im Prospekt versprochen eingehalten hatte. Im November 2022 willigte Goldman Sachs in eine Strafe von 4 Millionen US-Dollar ein.
3.3. BNY Mellon Investment Adviser (US-SEC-Sanktion, 2022)
- Der Fall: Die Tochtergesellschaft der BNY Mellon behauptete bei der Vermarktung mehrerer Investmentfonds, dass alle Wertpapier-Auswahlen eine fundamentale ESG-Prüfung durchlaufen hätten.
- Folgen & Belege: Die SEC wies nach, dass für zahlreiche im Portfolio befindliche Titel überhaupt keine dokumentierten ESG-Bewertungen vorlagen. Im Mai 2022 zahlte die Gesellschaft eine Zivilstrafe von 1,5 Millionen US-Dollar.
3.4. Der Repsol „Green Bond“ (Kontroverse auf Anleihe-Ebene, 2017)
- Der Fall: Der spanische Öl- und Gaskonzern Repsol emittierte 2017 eine Anleihe über 500 Millionen Euro als zertifizierten „Green Bond“.
- Kritik & Auswirkung: Der Erlös diente dazu, die Energieeffizienz bestehender Erdöl-Raffinerien zu steigern (geringerer CO₂-Ausstoß bei der Ölverarbeitung). Führende Indexanbieter wie Bloomberg und MSCI verweigerten dem Papier – gestützt auf die wissenschaftlichen Prüfberichte der Standardisierungsorganisation Climate Bonds Initiative (CBI) – die Aufnahme in grüne Indizes, da eine Anleihe zur Effizienzsteigerung fossiler Wertschöpfungsketten dem Grundgedanken einer echten Energiewende widerspricht. Dieser Fall gilt als ein Lehrbuchbeispiel für Greenwashing bei Unternehmensanleihen.
Resultat
Aus dieser Entwicklung zogen die europäischen Gesetzgeber Konsequenzen: Die EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) sowie die EU-Taxonomie wurden geschaffen, um dem unregulierten Wildwuchs an grünen Versprechen einen verbindlichen, juristisch sanktionierbaren Rahmen (Artikel 6, 8 und 9) entgegenzusetzen.
Zusammenfassung
Die Transformation des deutschen Umweltbewusstseins war der evolutionäre Nährboden der heutigen Nachhaltigkeits-Finanzlandschaft. Ohne die tiefen gesellschaftlichen Schocks der 1980er Jahre (Waldsterben, Ozonloch, Tschernobyl) und die anschließende Professionalisierung des Nachhaltigkeitsbegriffs in den 1990er Jahren hätten die frühen Pionierfonds ab 1989 nicht die notwendige Glaubwürdigkeit und Nachfrage im Markt aufbauen können. Sie legten damit den historischen Grundstein für die heutigen Standards der ESG-Integration und der EU-Offenlegungsverordnung.
Mehr zur EU-Offenlegungsverordnung (SFDR “Sustainable Finance Disclosure Regulation”) und der Einordnung von Finanzprodukten in die entsprechenden Artikel 6, 8 und 9 erfahren Sie in unserem thematischen Anschluss-Artikel:
>> EU-Offenlegungsverordnung <<
Ihr Jens Grütznerund
die FIN-Redaktion
